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Essen unter Kontrolle - eine therapeutische Perspektive

  • 5. Jan.
  • 4 Min. Lesezeit

Ich wurde erneut vom ZDF-Format „Volle Kanne“ eingeladen, um über Food-Tracking-Apps zu sprechen und einzuordnen, welchen Einfluss sie auf das Essverhalten von Jugendlichen haben können.Dieses Thema liegt mir besonders am Herzen. In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich immer wieder, dass problematisches Essverhalten oder Essstörungen ihren Anfang mit dem scheinbar harmlosen Kalorienzählen und dem Bedürfnis nach Kontrolle genommen haben. Was zunächst als „gesunde Orientierung“ gedacht ist, kann sich – gerade bei jungen Menschen – schleichend zu einem belastenden und krankheitsfördernden Muster entwickeln.Umso wichtiger war es mir, dieses Thema öffentlich einzuordnen, aufzuklären und für einen sensibleren Umgang mit Food-Tracking-Apps im Jugendalter zu werben. Hier könnt ihr den Beitrag schauen: https://www.zdfheute.de/video/volle-kanne/food-tracking-apps-102.html


Was sind Foodtracking Apps? Foodtracking-Apps sind digitale Anwendungen, mit denen NutzerInnen ihre tägliche Ernährung dokumentieren können. Typische Funktionen sind das Erfassen von Mahlzeiten, das Protokollieren von Kalorien sowie die Analyse der Energie- und Nährstoffzufuhr.

 

Wozu nutzt man Food Tracking Apps?

Sie werden genutzt, um einen Überblick über das eigene Essverhalten zu bekommen, Ziele wie Gewichtsreduktion, Muskelaufbau oder die Optimierung bestimmter Nährstoffe zu verfolgen. Viele Menschen nutzen die App auch zur Verhaltensreflexion – ähnlich wie ein Ernährungstagebuch in digitaler Form.

 

Wie funktionieren die Apps? Foodtracking Apps basieren auf umfangreichen Lebensmitteldatenbanken. NutzerInnen wählen Lebensmittel manuell aus und scannen den Barcode oder importieren Rezepte. Die App berechnet automatisch die Kalorien, Makronährstoffe und je nach App weitere Nährwerte. Viele Apps bieten zusätzlich Tagesziele, Diagramme und Erinnerungsfunktionen.

Wie zuverlässig sind die Apps?Die Zuverlässigkeit variiert stark. Makronährstoffe und Kalorien sind meist ausreichend genau, sofern die Datenbank qualitativ gepflegt ist. Für eine präzise Nährstoffanalyse im Rahmen klinischer oder therapeutischer Ernährungsberatungen sind sie nicht zuverlässig genug. Die größte Unsicherheit bleibt die Nutzer-Eingabe (Portionsgrößen, die Art der Lebensmittel, Zubereitung). Die App ist nur so gut, wie die Daten, die sie erhält.


Werden sie auch in der professionellen Ernährungsberatung angewendet?

In der Ernährungsberatung können Apps eine hilfreiche Ergänzung sein, etwa um Essgewohnheiten sichtbar zu machen oder den Alltag der Patientinnen besser zu verstehen. Die App liefert Statistiken und Grafiken, die im Gespräch leichter verständlich sind. Die Fortschritte online zu sehen kann motivieren. Sie ersetzten jedoch nie eine fundierte Beratung und werden daher eher als unterstützendes Instrument eingesetzt. Nicht für alle Menschen geeignet vor allem nicht bei einer starken Kontrollbedürfnis oder Menschen mit einer Essstörung.


Inwiefern können solche Apps sinnvoll sein? Die Apps schaffen Bewusstsein für Essgewohnheiten. Viele Menschen unterschätzen oder überschätzen Portionsgrößen und Kalorienaufnahme. Durch das digitale Protokollieren wird sichtbar was und wie viel gegessen wird, so kann man Muster erkennen wie zb häufiges Snacken, Mahlzeitenauslass zu hohem Zucker oder Fettkonsum. Die Apps bieten Struktur und Orientierung, sie bieten Kalorien- und Makronährstoffziele die die Nutzerinnen als Orientierung nutzen können. Erinnerungsfunktionen helfen bei regelmäßigen Mahlzeiten oder Wasseraufnahme. Fortschrittsdiagramme steigern die Motivation und die Selbstwirksamkeit. Die App kann Hinweise geben, wenn Ballaststoffe oder bestimme Vitamine regelmäßig zu niedrig aufgenommen werden. Für die Ernährungsberatung kann es eine sinnvolle Grundlage sein.


Inwiefern können diese Apps beim Erkennen von Nährstoffdefiziten hilfreich sein?Apps können Hinweise geben, wenn bestimmte Lebensmittelgruppen regelmäßig zu kurz kommen – etwa Eiweiß, Ballaststoffe oder einzelne Mikronährstoffe. Über mehrere Wochen lässt sich so erkennen, ob zum Beispiel Eisen- oder Calciumquellen kaum aufgenommen werden.Wichtig ist aber: Die Apps können keine echten Nährstoffdefizite diagnostizieren. Lebensmittelangaben sind oft ungenau, Portionsgrößen werden falsch eingeschätzt, und die tatsächliche Versorgung hängt auch von Bioverfügbarkeit, Stoffwechsel und Gesundheit ab. Sie liefern also nur Anhaltspunkte, keine medizinischen Befunde.


Was hällst du von der Foto Funktion solcher Apps - kann man das Essen so zuverlässig tracken?

Die Foto-Funktion in Food-Tracking-Apps kann im Alltag sehr hilfreich sein. Sie macht es leichter, Mahlzeiten zu dokumentieren, fördert das Bewusstsein für das eigene Essverhalten und senkt die Hemmschwelle, regelmäßig zu tracken. Für grobe Einschätzungen ist sie durchaus praktisch. Gleichzeitig sollte man nicht glauben, dass sie so genau ist wie das Abwiegen oder die klassische Nährstoffaufnahme-Erfassung: Die Portionsgrößen, versteckte Zutaten oder Fettanteile lassen sich oft nicht zuverlässig aus einem Foto bestimmen. Für medizinische oder wissenschaftliche Zwecke ist sie daher nur eingeschränkt geeignet.



Wie zuverlässig sind die Angaben, die die Apps bei der Registrierung abfragen und die darauf basierenden Berechnungen überhaupt?

Die Angaben, die NutzerInnen bei der Registrierung machen – Alter, Größe, Gewicht, Geschlecht, Aktivitätslevel – sind natürlich nur so genau wie die Eingaben selbst. Wenn diese Werte stimmen, können Apps grobe Richtwerte für den Kalorienbedarf oder Makronährstoffverteilungen liefern. Allerdings handelt es sich um Schätzungen: Der tatsächliche Energieverbrauch hängt von vielen Faktoren ab, etwa Stoffwechsel, Muskelmasse oder individuelle Aktivität, die eine App nur schwer genau erfassen kann. Die Berechnungen bieten also eine Orientierung, sind aber keinesfalls exakt.


Welche Probleme können bei der regelmäßigen Verwendung entstehen?

Ein häufiges Problem ist, dass sich NutzerInnen stärker auf Zahlen als auf ihr eigenes Körpergefühl verlassen. Hunger- und Sättigungssignale geraten dadurch leicht in den Hintergrund. Zudem kann es stressen oder Schuldgefühle auslösen, wenn tägliche Ziele nicht erreicht werden.Auch ungenaue Daten führen schnell zu Fehlinterpretationen, und der ständige Aufwand des Trackings kann auf Dauer belastend sein. Manche entwickeln ein sehr strenges Essverhalten, etwa indem sie nur noch Lebensmittel essen, die sich exakt eintragen lassen. Besonders Menschen mit perfektionistischen oder zwanghaften Tendenzen sind dafür anfällig.


Wann und wieso können diese Apps im Allgemeinen gefährlich werden?

Gefährlich werden Apps, wenn NutzerInnen sich stärker an Zahlen orientieren als an ihrem eigenen Körper. Wenn Hunger und Sättigung ignoriert werden und Kalorienziele wichtiger werden als Wohlbefinden, kann sich das Essverhalten stark einengen. Manche vermeiden dann nährstoffreiche, aber kalorienreichere Lebensmittel und greifen nur noch zu sehr kalorienarmen Optionen.Problematisch wird es auch, wenn Kontrolle in Zwang übergeht: alles wird abgewogen, spontane Mahlzeiten machen Angst, und Essen wird in „gut“ oder „schlecht“ eingeteilt. Besonders kritisch ist das, wenn Erfolge oder Komplimente das Tracking weiter verstärken. Zudem können ungenaue Angaben in der App zu falschen Entscheidungen führen.


Wann und wie können diese Apps gefährlich werden besonders in Bezug auf Essstörungen?

Bei Menschen mit einer bestehenden oder beginnenden Essstörung können Food-Tracking-Apps sehr schnell problematisch werden. Wenn Kalorienziele zu niedrig eingestellt sind oder als starr wahrgenommen werden, fördert das ein stark restriktives Essverhalten. Das ständige Abwiegen und Kontrollieren kann Zwangsrituale verstärken, ebenso wie Vergleiche mit früheren Tagen oder anderen NutzerInnen. Dabei geraten wichtige Körpersignale wie Hunger, Müdigkeit oder Erschöpfung zunehmend in den Hintergrund. Viele Betroffene orientieren sich dann ausschließlich an Zahlen, nicht mehr an ihren Bedürfnissen. Auch Erfolgserlebnisse durch immer niedrigere Kalorienwerte oder sichtbare Kurvenabfälle können den Krankheitsverlauf verstärken. Zusätzlich kann die App emotionalen Druck auslösen: Schuldgefühle bei „zu vielen“ Kalorien, Angst vor Lebensmitteln, die schwer einzutragen sind, oder das Gefühl, nur noch „erlaubte“ Dinge essen zu dürfen. Dadurch wird Essen weiter moralisiert und das starre, gesundheitlich riskante Verhalten stabilisiert.

 


 
 
 

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